Was bisher geschah:
Die mutigen Reisenden hatten sich pünktlich zur Abfahrt des Orient.. naja Trans-Kanada-Express eingefunden und mussten enttäuscht feststellen, dass sich der Zug immernoch auf der Strecke nach Toronto befand und man erst am nächsten Tag um 08:00 abfahren können würde.
Dank der Hilfe des Postkutschenpersonals fanden die Gefährten Unterkunft in einer Schänke gegenüber des Reisezentrums...
Um 7:00 Uhr
findet man sich wieder in der Schlange in der Businesslounge ein, bekommt
Wagen, Sitz-/Schlafplatz und zuständigen Restaurantwagen mitgeteilt und darf sich für 1., 2. oder 3. Aufruf zum Mittag und Abendessen entscheiden. Anschließend gibt es
Süßgebäck, Kaffee, Tee und Kaltgetränke zum Frühstück bis gegen 8:00 zum
Boarding aufgerufen wird.
Die Gäste vertrauen darauf, dass das gestern abgegebene Gepäck auch im richtigen Zug landet. Wird
man dann in Vancouver sehen.
ViaRail fährt mit
Personenzügen aus den 1950ern die szenischen Strecken des kanadischen
Transportschienennetzes ab. Die Außenhülle der Waggons wurde dabei seit
Inbetriebnahme nicht verändert, nur das Innere immer mal wieder
modernisiert. Zug Nr. 1 ist dabei die längste und populärste Strecke von
Toronto bis Vancouver und deckt die Staaten Ontario, Manitoba, Saskatchewan,
Alberta und British Columbia ab. Die knapp 4500 km werden dabei in etwa 3,5 Tagen
überwunden. Laut Broschüre eine menschlichere Art zu Reisen.
Activity Car
Speisewagen
Schlafkoje
Activity Car
Speisewagen
Schlafkoje
Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 80-100 km/h und da es sich um
Frachtstrecken handelt, hält der Zug OFT auf Nebengleisen, um Frachtzüge vorbei
zu lassen. Die Durchschnittsreisegeschwindigkeit beträgt geschätzte 30 km/h. Auf der Fahrt wird die Zeit von Eastern Time, über Central Time und
Mountain Time bis zum Erreichen der Pacific Time in BC jeweils eine Stunde
zurückgestellt.
Es gibt eine
Economy Class mit mehr oder weniger ausklappbaren Sitzen, was sich für 3 Nächte
doch sehr unbequem anhört und dank des 50 % Rabatts für Sleeper Class Tickets
auch kaum billiger ist als die Schlafkojen, die wir gebucht haben.
Wer eine
Koje bucht, hat die Wahl zwischen oben und unten und sitzt tagsüber in einem
offenen 4er-Abteil mit optionalem Tisch, das dann Nachts in die Kojen umgebaut
wird.
Wer mehr Geld ausgeben möchte, kann eine geschlossene 2er Kabine buchen,
die einen kleinen Schrank, 2 Sessel und Doppelstockklappbett bietet.
Da der Zug bei
weitem nicht ausgebucht ist, haben wir 3 zusammenhängende 4er-Abteile für uns
und Dennis unser zuständiger Servicemitarbeiter erlaubt uns netterweise auch
die unteren Kojen zu benutzen, obwohl wir nur für die $ 100 billigeren oberen
Kojen bezahlt haben (unten hat man ein Fenster).
Mit etwas mehr
als 10 Stunden Verspätung startet „The Canadian“ in Richtung Vancouver. Dennis
wählt mich zu seinem „Able Body“, erklärt, wie man die Wagentür öffnet, wo das
Erste-Hilfe-Kit ist und wie man eine Scheibe einschlägt, was mich befähigt im
unwahrscheinlichen Falle eines Notfalls mitzuhelfen.
Dennoch hat es ein Fahrgast geschafft den Zug zu verpassen und ist jetzt per Taxi unterwegs zum nächsten Halt.
Die Strecke durch
Ontario zieht sich wie Kaugummi, tagsüber fahren wir mit 20 – 40 km/h und
halten gefühlt alle 2 Minuten für einen Frachtzug. Dazu kommt noch, dass
Ontario sowieso der größte Staat auf unserer Strecke ist.
Am ersten Abend überrascht die Ansage, dass die Sitze dann während dem Abendessen (Start ca 18:30) in die Betten umgebaut werden. Dank Fahrgastmangel, bleibt aber ein 4er Sitzplatz erhalten und wir können Amin Poker beibringen.
Nachts macht der Zug
etwas mehr Strecke und dennoch wird am nächsten Tag stolz angesagt „We are
EXACTLY 12 hours late“
Für Sleeper Class
und höher sind die Mahlzeiten inklusive und dürfen im zuständigen
Restaurantwagen eingenommen werden. Frühstück gibt es von 6:30 – 8:30 Uhr,
Mittag und Abendessen wird wie oben schon erwähnt zu 3 Uhrzeiten serviert.
Das Essen ist jeweils sehr gut und die Portionen
entsprechend klein (Tortellini mit Hummerfleisch bedeutet exakt 3 Tortellini und ein bisschen Salat). Dazwischen gibt es Gebäck und allerlei Getränke
im activity car mit Glaskuppel. Aktivitäten sind dabei abgesehen von der ganz
netten Livemusik vor allem Wein- und Bierverkostungen.
Eben auf das
Publikum angepasst.
In der Economy
Class findet man auch ein paar junge Leute, in den Kabinen ist das
Durchschnittsalter bei ca. 65. Ein Paar fährt die Strecke zum achten Mal hin
und zurück, Dennis erklärt uns, dass es auch Gäste gibt, die schon 20 mal
gefahren sind.
Unter den
weiteren Mitreisenden befindet sich auch eine alternde Truppe aus England, die
sich nach dem Frühstück zum Trinken in der Glaskuppel trifft und diese nur zu
den Mahlzeiten verlässt. Darunter zwei ältere Herren, die Fans rivalisierender
Fußballvereine sind, Dawn, die sich mit einem Geschenk ihres Sohnes hier ihren
Lebenstraum – 20 Tage Kanada, komplett
durchgeplant mit Rafting, Helikoptertour usw.
– erfüllt und eine weißbeschopfte Dame, die wahrscheinlich das obere
Ende der Altersskala darstellt. Letztere ist spätestens Nachmittags so
betrunken, dass sie dem Leiter der Reisegruppe erklärt, er hätte ja keine
Ahnung welches der nächste Halt wäre und die Reihenfolge der Bundesstaaten
durcheinander bringt, bei einer vorbeifliegenden Gans ca. fünf Minuten lang
ununterbrochen „Goose, Goose!“ brüllt und anfängt ihre Freunde mit falschen
Namen anzusprechen. Das alles begleitet von Kommentaren (Ah, did they give you a glass of wine again? - man stelle sich das mit britischem Akzent vor) und fröhlichem Gelächter der
gesamten Gruppe.
Peter ist 84
Jahre, hat in der Metallverarbeitung gearbeitet und Speziallegierungen für
Stähle hergestellt. Sein Gehirn funktioniert immernoch gut, obwohl er damals
nicht studieren durfte, und jetzt muss er erstmal einen Drink im activity car
einnehmen. Immerhin ist es ja auch schon 9:20 Uhr am Morgen..
Wir halten gerade
wieder auf offener Strecke um ein, zwei oder drei Frachtzüge vorbei zu lassen.
Das kann dann schonmal ein bisschen dauern.
Ontario zeigt
hauptsächlich ein wenig Fels, Nadelhölzer und Birken. Dazu eine große Portion
zugefrorener Seen. Wo Wasser sichtbar ist, zeigt sich eine Art von Braunalge,
die sich vom hohen Schwefel- und Stickstoffgehalt dieser Gegend ernährt, bis
zum Sommer aufblühen wird und dann dank vernichteter Nahrung und Überpopulation
wieder verschwindet (Mahdi macht seinen Doktor in Wasseraufbereitung). Neben der Strecke verlaufen alte Strom-( oder Telefon-?)leitungen, die in – aus
deutscher Sicht – unverantwortlich niedriger Höhe angebracht und oftmals so
stark beschädigt sind, dass sie fast bis ins Wasser hängen. Wirkt fast wie Grabkreuze der Landschaft.
Auch am Zweiten
Tag befinden wir uns noch in Ontario, die Crew nimmt die Verspätungen aber sehr
gelassen und weist gegen Mittag nach einem weiteren Frachtstopp darauf hin,
dass wir uns wieder bewegen und zwar immernoch in die richtige Richtung.
Im
activity car gibt es Pappbögen mit ViaRail-Waggons und –Lok zum ausstanzen und
zusammenfalten, was die britische Reisegruppe ein paar Stunden beschäftigt.
Allerdings wird nur eine Lok gefaltet und ansonsten hauptsächlich Mittelwagen um einen möglichst langen Zug zu bauen.
Gegen
Abend überqueren wir die Grenze nach Manitoba und erreichen Winnipeg, mit 600.000
Einwohnern Manitobas Hauptstadt. Dort werden die Servicecrew ausgetauscht,
Vorräte aufgefüllt und die Diesellok betankt. Die Vorräte werden dabei auf Wagen herangekarrt, die wahrscheinlich noch vom Bau der ersten Eisenbahn in Kanada stammen.
Um die Verspätung etwas zu
verkürzen, wird der vierstündige Stop auf eine Stunde reduziert, sodass wir nur
in direkter Umgebung des Bahnhofs das raumschiffartige Canadian Museum for
Human Rights besichtigen – von außen.
Wer den Zug in
Winnipeg verlässt, erhalt dank mehr als 12 Stunden Verspätung den vollen
Fahrpreis in Form eines ViaRail-Gutscheins zurückerstattet. Da wir bis Vancouver
noch ein paar Stunden wett machen können, wird es für uns wahrscheinlich nur
die 4-Stunden-50%-Erstattung werden.
Zurück im Zug
unterhält man sich erstmal ein wenig mit dem neuen Zugbegleiter Arthur, der
seit 39 Jahren diesen Job macht und uns nachdem er die Betten wieder
ausgeklappt hat noch darauf hinweist, dass man draußen gerade Nordlichter sehen
kann. Was für eine schöne Atmosphäre zum Einschlafen. Dank eines weiteren
Frachtstops, kann man sogar ein paar Fotos machen.
Am nächsten
Morgen wachen wir auf, sind schon in Saskatchewan und erreichen nach dem
Frühstück die Hauptstadt Saskatoon (200.000 Einwohner). Der wichtigste Bahnhof
des Bundesstaats hat noch nichtmal einen Bahnsteig. Und befindet sich 15 km
außerhalb der Stadt.
Saskatchewan ist der weltgrößte Kornproduzent und besteht eigentlich
nur aus Feldern. Selbst auf den wenigen Hügeln, die man mal sieht, wird
Getreide angebaut und der große Trans-Canadian-Highway ist teilweise nicht mehr
als eine Schotterpiste neben den Schienen.Dafür gibt es auch eine Ölquelle.
Weitere
Durchsage: „Wir haben etwas Zeit gut gemacht, leider auch wieder welche
verloren, sodass wir immernoch genau so sehr zu spät sind wie bisher.“
Wer sich mit der
ungewissen Fahrtdauer anfreunden kann, findet mit dem Canadian eine sehr
angenehme Art zu reisen und Urlaub vom Stadtleben zu nehmen. Es gibt einige
wenige Steckdosen im activity car und auf den Toiletten, aber kein Wlan. Auf
weiten Teilen der Strecke gibt es generell keinen Empfang und an den
Haltestellen sind die Netze aufgrund der plötzlichen Anzahl an Anfragen oft
überlastet. Perfekt um abzuschalten. Mahdi braucht ein wenig Zeit, findet sich
dann aber auch damit ab.
Von Saskatoon aus geht es weiter, irgendwann sogar hinein nach Alberta wo mit Edmonton der nächste große Halt angesteuert wird.
Peter erklärt auf die Frage, wie es ihm gehe, beim Frühstück: "Mir geht es großartig, ich bin Heute morgen aufgewacht."
In Edmonton wird zusätzlich zu den activity cars mit ihrer Panoramakuppel noch ein neuerer Panoramawagen angekoppelt, der nahezu rundum aus Glas besteht.
Leider gibt es in der folgenden Nacht keine Nordlichter zu sehen.
Es geht weiter Richtung Jasper und Rocky Mountains, allerdings verschlafen wir durch die Verspätung den Großteil davon. Auch die nachts um 3:00 in Jasper aussteigenden Fahrgäste erhalten die 100 % Rückerstattung für mehr als 12 Stunden Verspätung.
Der arme Bulli fährt wohl nirgends mehr hin..
..und wie dieses Wrack ans Ufer zwischen Fluss und Bahnstrecke gekommen ist, will man lieber nicht wissen.
Bademeister wo treibst du dich rum?
Ein weiterer Zwischenstop in Kamloops und danach kriecht der Zug gen Vancouver.
Beim Mittagessen verläuft die Strecke wieder parallel zum Trans-Canadian-Highway und wir werden munter von allen Arten von LKWs überholt. Sehr zur Freude von Mahdi.
Seit dem Personalwechel in Winnipeg macht übrigens jemand die zweisprachigen Ansagen zur Verspätung, dessen Französisch mehr an Russisch erinnert. Es klingt alles richtig, allerdings mit einem sehr verstörenden Akzent.
Unterwegs bleiben wir jetzt immer öfter stehen, weil der modernere Panoramawagen Probleme mit der Elektrik macht und deswegen immer mal wieder Klimaanlage und Licht ausfallen. Manchmal fahren sie einfach weiter und der Kontakt wird bei der nächsten Bodenwelle wieder hergestellt, oft muss der Zug aber auch anhalten.
Zum Beispiel mitten auf einem Bahnübergang.
Vorher ist das nur einmal passiert - als ich am ersten Tag duschen war. Man macht bei Licht die Augen zu, wieder auf und es ist trotzdem noch alles schwarz. Naja, Wasser kommt ja noch.
Die Zugfahrt lässt erahnen wie grundsätzlich verschieden weite Reisen zu Zeiten vor Flugzeug und Pkw waren. Wir haben hier noch allen erdenklichen Luxus an Bord aber die ersten Eisenbahnen waren sicherlich anders. Dennoch war es plötzlich möglich "schnell" am anderen Ende des Kontinents zu sein. Unfassbar.
Die Reststrecke wird immer kürzer, der Zug aufgrund der kurvigen Gleisführung und der Lärmschutzbestimmungen im Vorortgebiet aber auch immer langsamer.
Arthur nutzt die Gelegenheit und verteilt Zertifikate, dass man die gesamte Strecke zurückgelegt hat, was laut Amin und Mahdi natürlich sofort dokumentiert werden muss.
An einem Schrottplatz vorbei, man kann vom Panoramawagen aus dank einer großen Kurve den gesamten Zug sehen, geht es über die letzte Brücke hinein nach Vancouver. Entschuldigt den schlechten Zusammenschnitt.
Letztendlich erreicht der Zug den Bahnhof - und bleibt mit geschlossenen Türen stehen.
Nur für ein paar Minuten erklärt Arthur, das Bahnhofsteam muss erst die Freigabe erteilen.
Da hört man aus Arthurs Funkgerät, dass ein Fahrgast in der Economy Class durchdrehe, weil er endlich Rauchen wolle. Er drohe damit ein Fenster einzuschlagen. . .
Die Türen gehen auf - Willkommen zurück in Vancouver.
Und jetzt, abschalten!




































































Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen