Samstag, 17. Mai 2014

The Canadian



ViaRail Zug Nr. 1 - The Canadian - von Toronto nach Vancouver.



Was bisher geschah:
Die mutigen Reisenden hatten sich pünktlich zur Abfahrt des Orient.. naja Trans-Kanada-Express eingefunden und mussten enttäuscht feststellen, dass sich der Zug immernoch auf der Strecke nach Toronto befand und man erst am nächsten Tag um 08:00 abfahren können würde.
Dank der Hilfe des Postkutschenpersonals fanden die Gefährten Unterkunft in einer Schänke gegenüber des Reisezentrums...

Um 7:00 Uhr findet man sich wieder in der Schlange in der Businesslounge ein, bekommt Wagen, Sitz-/Schlafplatz und zuständigen Restaurantwagen mitgeteilt und darf sich für 1., 2. oder 3. Aufruf zum Mittag und Abendessen entscheiden. Anschließend gibt es Süßgebäck, Kaffee, Tee und Kaltgetränke zum Frühstück bis gegen 8:00 zum Boarding aufgerufen wird.
Die Gäste vertrauen darauf, dass das gestern abgegebene Gepäck auch im richtigen Zug landet. Wird man dann in Vancouver sehen. 



ViaRail fährt mit Personenzügen aus den 1950ern die szenischen Strecken des kanadischen Transportschienennetzes ab. Die Außenhülle der Waggons wurde dabei seit Inbetriebnahme nicht verändert, nur das Innere immer mal wieder modernisiert. Zug Nr. 1 ist dabei die längste und populärste Strecke von Toronto bis Vancouver und deckt die Staaten Ontario, Manitoba, Saskatchewan, Alberta und British Columbia ab. Die knapp 4500 km werden dabei in etwa 3,5 Tagen überwunden. Laut Broschüre eine menschlichere Art zu Reisen.


Activity Car


Speisewagen

Schlafkoje

Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 80-100 km/h und da es sich um Frachtstrecken handelt, hält der Zug OFT auf Nebengleisen, um Frachtzüge vorbei zu lassen. Die Durchschnittsreisegeschwindigkeit beträgt geschätzte 30 km/h. Auf der Fahrt wird die Zeit von Eastern Time, über Central Time und Mountain Time bis zum Erreichen der Pacific Time in BC jeweils eine Stunde zurückgestellt.


Es gibt eine Economy Class mit mehr oder weniger ausklappbaren Sitzen, was sich für 3 Nächte doch sehr unbequem anhört und dank des 50 % Rabatts für Sleeper Class Tickets auch kaum billiger ist als die Schlafkojen, die wir gebucht haben. 
Wer eine Koje bucht, hat die Wahl zwischen oben und unten und sitzt tagsüber in einem offenen 4er-Abteil mit optionalem Tisch, das dann Nachts in die Kojen umgebaut wird. 
Wer mehr Geld ausgeben möchte, kann eine geschlossene 2er Kabine buchen, die einen kleinen Schrank, 2 Sessel und Doppelstockklappbett bietet.
Da der Zug bei weitem nicht ausgebucht ist, haben wir 3 zusammenhängende 4er-Abteile für uns und Dennis unser zuständiger Servicemitarbeiter erlaubt uns netterweise auch die unteren Kojen zu benutzen, obwohl wir nur für die $ 100 billigeren oberen Kojen bezahlt haben (unten hat man ein Fenster).

Mit etwas mehr als 10 Stunden Verspätung startet „The Canadian“ in Richtung Vancouver. Dennis wählt mich zu seinem „Able Body“, erklärt, wie man die Wagentür öffnet, wo das Erste-Hilfe-Kit ist und wie man eine Scheibe einschlägt, was mich befähigt im unwahrscheinlichen Falle eines Notfalls mitzuhelfen.
Dennoch hat es ein Fahrgast geschafft den Zug zu verpassen und ist jetzt per Taxi unterwegs zum nächsten Halt.

Die Strecke durch Ontario zieht sich wie Kaugummi, tagsüber fahren wir mit 20 – 40 km/h und halten gefühlt alle 2 Minuten für einen Frachtzug. Dazu kommt noch, dass Ontario sowieso der größte Staat auf unserer Strecke ist. 




Am ersten Abend überrascht die Ansage, dass die Sitze dann während dem Abendessen (Start ca 18:30) in die Betten umgebaut werden. Dank Fahrgastmangel, bleibt aber ein 4er Sitzplatz erhalten und wir können Amin Poker beibringen.




Nachts macht der Zug etwas mehr Strecke und dennoch wird am nächsten Tag stolz angesagt „We are EXACTLY 12 hours late“

Für Sleeper Class und höher sind die Mahlzeiten inklusive und dürfen im zuständigen Restaurantwagen eingenommen werden. Frühstück gibt es von 6:30 – 8:30 Uhr, Mittag und Abendessen wird wie oben schon erwähnt zu 3 Uhrzeiten serviert.
Das Essen ist jeweils sehr gut und die Portionen entsprechend klein (Tortellini mit Hummerfleisch bedeutet exakt 3 Tortellini und ein bisschen Salat). Dazwischen gibt es Gebäck und allerlei Getränke im activity car mit Glaskuppel. Aktivitäten sind dabei abgesehen von der ganz netten Livemusik vor allem Wein- und Bierverkostungen. 

Eben auf das Publikum angepasst.

In der Economy Class findet man auch ein paar junge Leute, in den Kabinen ist das Durchschnittsalter bei ca. 65. Ein Paar fährt die Strecke zum achten Mal hin und zurück, Dennis erklärt uns, dass es auch Gäste gibt, die schon 20 mal gefahren sind.

Unter den weiteren Mitreisenden befindet sich auch eine alternde Truppe aus England, die sich nach dem Frühstück zum Trinken in der Glaskuppel trifft und diese nur zu den Mahlzeiten verlässt. Darunter zwei ältere Herren, die Fans rivalisierender Fußballvereine sind, Dawn, die sich mit einem Geschenk ihres Sohnes hier ihren Lebenstraum  – 20 Tage Kanada, komplett durchgeplant mit Rafting, Helikoptertour usw.  – erfüllt und eine weißbeschopfte Dame, die wahrscheinlich das obere Ende der Altersskala darstellt. Letztere ist spätestens Nachmittags so betrunken, dass sie dem Leiter der Reisegruppe erklärt, er hätte ja keine Ahnung welches der nächste Halt wäre und die Reihenfolge der Bundesstaaten durcheinander bringt, bei einer vorbeifliegenden Gans ca. fünf Minuten lang ununterbrochen „Goose, Goose!“ brüllt und anfängt ihre Freunde mit falschen Namen anzusprechen. Das alles begleitet von Kommentaren (Ah, did they give you a glass of wine again? - man stelle sich das mit britischem Akzent vor) und fröhlichem Gelächter der gesamten Gruppe. 





Peter ist 84 Jahre, hat in der Metallverarbeitung gearbeitet und Speziallegierungen für Stähle hergestellt. Sein Gehirn funktioniert immernoch gut, obwohl er damals nicht studieren durfte, und jetzt muss er erstmal einen Drink im activity car einnehmen. Immerhin ist es ja auch schon 9:20 Uhr am Morgen..


Wir halten gerade wieder auf offener Strecke um ein, zwei oder drei Frachtzüge vorbei zu lassen. Das kann dann schonmal ein bisschen dauern.

Ontario zeigt hauptsächlich ein wenig Fels, Nadelhölzer und Birken. Dazu eine große Portion zugefrorener Seen. Wo Wasser sichtbar ist, zeigt sich eine Art von Braunalge, die sich vom hohen Schwefel- und Stickstoffgehalt dieser Gegend ernährt, bis zum Sommer aufblühen wird und dann dank vernichteter Nahrung und Überpopulation wieder verschwindet (Mahdi macht seinen Doktor in Wasseraufbereitung). Neben der Strecke verlaufen alte Strom-( oder Telefon-?)leitungen, die in – aus deutscher Sicht – unverantwortlich niedriger Höhe angebracht und oftmals so stark beschädigt sind, dass sie fast bis ins Wasser hängen. Wirkt fast wie Grabkreuze der Landschaft.




Auch am Zweiten Tag befinden wir uns noch in Ontario, die Crew nimmt die Verspätungen aber sehr gelassen und weist gegen Mittag nach einem weiteren Frachtstopp darauf hin, dass wir uns wieder bewegen und zwar immernoch in die richtige Richtung. 





Im activity car gibt es Pappbögen mit ViaRail-Waggons und –Lok zum ausstanzen und zusammenfalten, was die britische Reisegruppe ein paar Stunden beschäftigt. 
Allerdings wird nur eine Lok gefaltet und ansonsten hauptsächlich Mittelwagen um einen möglichst langen Zug zu bauen.
Gegen Abend überqueren wir die Grenze nach Manitoba und erreichen Winnipeg, mit 600.000 Einwohnern Manitobas Hauptstadt. Dort werden die Servicecrew ausgetauscht, Vorräte aufgefüllt und die Diesellok betankt. Die Vorräte werden dabei auf Wagen herangekarrt, die wahrscheinlich noch vom Bau der ersten Eisenbahn in Kanada stammen.

Um die Verspätung etwas zu verkürzen, wird der vierstündige Stop auf eine Stunde reduziert, sodass wir nur in direkter Umgebung des Bahnhofs das raumschiffartige Canadian Museum for Human Rights besichtigen – von außen. 


Wer den Zug in Winnipeg verlässt, erhalt dank mehr als 12 Stunden Verspätung den vollen Fahrpreis in Form eines ViaRail-Gutscheins zurückerstattet. Da wir bis Vancouver noch ein paar Stunden wett machen können, wird es für uns wahrscheinlich nur die 4-Stunden-50%-Erstattung werden.



Zurück im Zug unterhält man sich erstmal ein wenig mit dem neuen Zugbegleiter Arthur, der seit 39 Jahren diesen Job macht und uns nachdem er die Betten wieder ausgeklappt hat noch darauf hinweist, dass man draußen gerade Nordlichter sehen kann. Was für eine schöne Atmosphäre zum Einschlafen. Dank eines weiteren Frachtstops, kann man sogar ein paar Fotos machen.



 


Am nächsten Morgen wachen wir auf, sind schon in Saskatchewan und erreichen nach dem Frühstück die Hauptstadt Saskatoon (200.000 Einwohner). Der wichtigste Bahnhof des Bundesstaats hat noch nichtmal einen Bahnsteig. Und befindet sich 15 km außerhalb der Stadt.


Manitoba und Saskatchewan sind hauptsächlich Flach, wobei Manitoba noch ein wenig mehr Wasser hat. 




Saskatchewan ist der weltgrößte Kornproduzent und besteht eigentlich nur aus Feldern. Selbst auf den wenigen Hügeln, die man mal sieht, wird Getreide angebaut und der große Trans-Canadian-Highway ist teilweise nicht mehr als eine Schotterpiste neben den Schienen.Dafür gibt es auch eine Ölquelle.

Weitere Durchsage: „Wir haben etwas Zeit gut gemacht, leider auch wieder welche verloren, sodass wir immernoch genau so sehr zu spät sind wie bisher.“

Wer sich mit der ungewissen Fahrtdauer anfreunden kann, findet mit dem Canadian eine sehr angenehme Art zu reisen und Urlaub vom Stadtleben zu nehmen. Es gibt einige wenige Steckdosen im activity car und auf den Toiletten, aber kein Wlan. Auf weiten Teilen der Strecke gibt es generell keinen Empfang und an den Haltestellen sind die Netze aufgrund der plötzlichen Anzahl an Anfragen oft überlastet. Perfekt um abzuschalten. Mahdi braucht ein wenig Zeit, findet sich dann aber auch damit ab. 

Von Saskatoon aus geht es weiter, irgendwann sogar hinein nach Alberta wo mit Edmonton der nächste große Halt angesteuert wird.
Peter erklärt auf die Frage, wie es ihm gehe, beim Frühstück: "Mir geht es großartig, ich bin Heute morgen aufgewacht."



In Edmonton wird zusätzlich zu den activity cars mit ihrer Panoramakuppel noch ein neuerer Panoramawagen angekoppelt, der nahezu rundum aus Glas besteht. 
Leider gibt es in der folgenden Nacht keine Nordlichter zu sehen. 






Es geht weiter Richtung Jasper und Rocky Mountains, allerdings verschlafen wir durch die Verspätung den Großteil davon. Auch die nachts um 3:00 in Jasper aussteigenden Fahrgäste erhalten die 100 % Rückerstattung für mehr als 12 Stunden Verspätung.

Der arme Bulli fährt wohl nirgends mehr hin..


..und wie dieses Wrack ans Ufer zwischen Fluss und Bahnstrecke gekommen ist, will man lieber nicht wissen.


Bademeister wo treibst du dich rum?



Am nächsten Morgen befinden wir uns in British Columbia, sehen die Ausläufer der Rockies und bewegen uns an den durch das Schmelzwasser gefüllten Flüssen entlang. Dabei passiert man auch die Hells Gate Schlucht mitsamt gleichnamiger Brauerei. Der Wasserfall hier ist mit der Zeit so steil und tief geworden, dass man eine Fischtreppe für die Lachse gebaut hat. 




Ein weiterer Zwischenstop in Kamloops und danach kriecht der Zug gen Vancouver. 
Beim Mittagessen verläuft die Strecke wieder parallel zum Trans-Canadian-Highway und wir werden munter von allen Arten von LKWs überholt. Sehr zur Freude von Mahdi.




Seit dem Personalwechel in Winnipeg macht übrigens jemand die zweisprachigen Ansagen zur Verspätung, dessen Französisch mehr an Russisch erinnert. Es klingt alles richtig, allerdings mit einem sehr verstörenden Akzent.

Unterwegs bleiben wir jetzt immer öfter stehen, weil der modernere Panoramawagen Probleme mit der Elektrik macht und deswegen immer mal wieder Klimaanlage und Licht ausfallen. Manchmal fahren sie einfach weiter und der Kontakt wird bei der nächsten Bodenwelle wieder hergestellt, oft muss der Zug aber auch anhalten. 
Zum Beispiel mitten auf einem Bahnübergang. 


 Traktorfriedhöfe gibts hier auch mehrfach.


Man beachte das Fahrzeug links im Bild.


Vorher ist das nur einmal passiert - als ich am ersten Tag duschen war. Man macht bei Licht die Augen zu, wieder auf und es ist trotzdem noch alles schwarz. Naja, Wasser kommt ja noch.

Die Zugfahrt lässt erahnen wie grundsätzlich verschieden weite Reisen zu Zeiten vor Flugzeug und Pkw waren. Wir haben hier noch allen erdenklichen Luxus an Bord aber die ersten Eisenbahnen waren sicherlich anders. Dennoch war es plötzlich möglich "schnell" am anderen Ende des Kontinents zu sein. Unfassbar.

Die Reststrecke wird immer kürzer, der Zug aufgrund der kurvigen Gleisführung und der Lärmschutzbestimmungen im Vorortgebiet aber auch immer langsamer. 
Arthur nutzt die Gelegenheit und verteilt Zertifikate, dass man die gesamte Strecke zurückgelegt hat, was laut Amin und Mahdi natürlich sofort dokumentiert werden muss.




An einem Schrottplatz vorbei, man kann vom Panoramawagen aus dank einer großen Kurve den gesamten Zug sehen, geht es über die letzte Brücke hinein nach Vancouver. Entschuldigt den schlechten Zusammenschnitt.


Letztendlich erreicht der Zug den Bahnhof - und bleibt mit geschlossenen Türen stehen. 
Nur für ein paar Minuten erklärt Arthur, das Bahnhofsteam muss erst die Freigabe erteilen.
Da hört man aus Arthurs Funkgerät, dass ein Fahrgast in der Economy Class durchdrehe, weil er endlich Rauchen wolle. Er drohe damit ein Fenster einzuschlagen. . . 

Die Türen gehen auf - Willkommen zurück in Vancouver.

Zum Schluss noch ein paar bewegte Bilder.



Und jetzt, abschalten!

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